Ist Jan Böhmermann links? (Forum)

grasober, Thursday, 26.11.2020, 10:59 (vor 2030 Tagen) @ friedhofstribüne


Die Analyse finde ich schon richtig. Die Konklusion geht mir etwas an der Realität vorbei, und lässt sich sogar bei besten Willen nicht aufschlüsseln. Es kann doch nicht Ziel sein, einzelnen etwas aus moralischer Schuld zurück zu zahlen und gleichzeitig das von dir beschriebene Szenario nicht zu ändern.

Das kann natürlich nicht das langfristige Ziel sein. Dass eine kleine Gruppe von Staaten auf Kosten aller anderen in Saus und Braus lebt muss natürlich geändert werden, aber das dauert. Und man kann mMn nicht denjenigen denen es jetzt schlechter geht als uns sagen sorry, is jetzt blöd für Euch. Wir ändern das auch, nur leider halt nicht so schnell dass ihr noch was davon habt.


Gleichzeitig kannst du dich schwerlich in die Geschicke von souveränen Staaten einmischen.

Sehe ich generell schon auch so. Schön wäre es halt wenn sich diese Erkenntnis auch in der Politik mal durchsetzen würde. Viele von denen die jetzt gerne zu uns möchten, möchten das nämlich eben genau weil man sich in die Geschicke ihres souveränen Staates eingemischt hat.


Man könnte natürlich die Hilfen und Möglichkeiten an Bedingungen knüpfen. Dann steht er halt bei den Russen oder bei den Chinesen auf der Matte.

Klar sollte man das an Bedingungen knüpfen. Aber an die richtigen. Die zwei wichtigsten, die leider allzu oft ignoriert werden, wären aus meiner Sicht dass die Hilfe erstens bei den Menschen ankommen muss und zweitens als Anschub einer echten Entwicklung im Land wirken muss, statt die dortigen Wirtschaftskreisläufe abzuwürgen. Ich habe kürzlich in einem Artikel gelesen dass "der Westen" in den letzten Jahrzehnten 800 Milliarden Euro (oder Dollar...?) an Entwicklungshilfe nach Afrika überwiesen hat, und dass davon sagenhafte 600 Milliarden, also 75% in den Taschen der Eliten gelandet sind. Das ist das Gegenteil von Entwicklungshilfe, damit zementiert man die prekären Verhältnisse vor Ort. Macht aber nix, solange die Eliten mit dem Geld dann wieder Aufträge an westliche Firmen vergeben.
Und ja, wenn Europa diesen Geldhahn zudreht und Russland und China nicht, dann stehen die Eliten vermutlich dort auf der Matte, stimmt. Tun sie aber vermutlich eh schon, es wäre also in jedem Fall eine Verbesserung wenn der Westen hier umsteuert.


Und solange Verantwortliche mit hohen Beteiligungen geködert werden, dürfen Multinationale Konzerne weiterhin diese Länder kaputt machen. Und bei allem Respekt und bei aller moralischer Mitschuld. Hier den Dreck von Investmentgünstlingen, multinationalen Konzernen und korrupten Politikern zu bezahlen sehe ich nicht als Lösung an.

Ich bin grundsätzlich immer sehr dafür, die Konzerne möglichst an der Beseitigung der durch sie verursachten Schäden zu beteiligen. In meiner eigenen schönen Happy-Hippo-Welt würde kein einziger Cent an Dividende an irgendwen ausgeschüttet, solange nicht alle sozialen und ökologischen Folgen der Tätigkeiten eines Unternehmens vollständig kompensiert sind. Reine Utopie, ich weiß. Davon abgesehen ist es aber ein Trugschluss zu glauben wir würden "bezahlen" wenn wir was abgeben. Bezahlen hieße etwas herzugeben was uns rechtmäßig gehört. Das tut es aber nicht, uns geht es hier in Europa viel zu gut. Unser Lebensstandard geht zu lasten anderer, und wenn wir was abgeben dann verzichten wir nicht auf etwas das uns zusteht, sondern wir korrigieren lediglich eine ungerechtfertigte Schieflage.
Versteh mich nicht falsch. Mir gefällt das auch nicht. Ich mag meinen Lebensstandard, und möchte den eigentlich gerne behalten. Mir fällt nur leider keine moralisch halbwegs tragfähige Begründung ein, warum ich das Recht dazu haben sollte.


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