Der schwedische Sonderweg (Forum)
In Zeiten der Unsicherheit ist es eigentlich zu begrüßen, wenn nicht alle Länder den gleichen Weg gehen und eine gewisse Vielfalt gegeben ist. Es wird interessant sein nach der Krise zu analysieren welches Land am besten auf die Coronakrise reagiert hat um daraus Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen.
Wie ich hier oft genug geschrieben habe in den letzten Tagen, wünsche ich mir auch für Deutschland und Luxemburg smartere Maßnahmen als den momentanen Lockdown, den ich jedoch als TEMPORÄREN (=auf 5-7 Wochen beschränkten) Notbehelf massiv verteidigt habe um die Infektionskurve entscheidend zu bremsen und Zeit zu gewinnen um die Kapazitäten des Gesundheitssystems auszubauen und eine Überlastung desselben zu verhindern. Mittelfristig muss man jedoch einen ökonomisch weniger schädlichen und Bürgerrechte weniger einschränkenden Weg finden. Besonders, da auch mir die individuelle Freiheit am wichtigsten ist.
Hier wird der schwedische Weg durchaus interessant, allerdings muss er m.E. mit asiatischen Maßnahmen flankiert werden. D.h. weiterhin so viel wie möglich testen, Positive isolieren, sie selber und ihre letzten Kontakte 14 Tage in Quarantäne setzen, parallel dazu Vorschriften vorgeben wie den Mundschutz beim Einkaufen, Handschuhpflicht in so manchen Berufen, regelmäßige Desinfektionen, (smart) social distancing, Kapazitätsbeschränkungen in der Gastronomie (bspw. nur eine Familie oder höchstens vier nicht familiär verbundene Menschen an einem Tisch, Abstandsregeln zwischen den Tischen usw.). Inwiefern Letzteres in Schweden geschieht, keine Ahnung, das weiß hier nur der PEC. Ohne diese flankierenden Maßnahmen halte ich das schwedische Modell jedoch derzeit für zu gefährlich. Mit cleveren Sonderregeln jedoch umrahmt, wäre dies eine sehr gute Option auch für Deutschland und Luxemburg ab dem 20ten April oder spätestens 4.05. Aber das ist nur meine subjektive Meinung.
Fakt ist bisher aber mal, dass laut den Zahlen vom John Hopkins, Schweden derzeit mehr Tote (auf die Bevölkerungszahl) hat als Deutschland. Deutschland hat 83 Millionen Einwohner, Schweden ca. 10. Nehmen wir also den Multiplikationsfaktor 8. Schweden hat (Stand: heute, 7.04.) 591 Corona-Tote. 591 * 8 = 4 728. Das wären also 4 728 Tote in Deutschland. Derzeit hat Deutschland aber gerade einmal 1 854 Tote, also etwas mehr als ein Drittel davon. Das ist schon ein entsprechender „Preis“ in Totenzahlen also, den man zahlt für die etwas andere Politik.
Fairerweise muss man jedoch anmerken dass man eben nicht nur die Coronatoten zählen darf. Wenn eine riesige Rezession, nein sogar eine Depression durch Shutdowns ausgelöst wird, vermutlich eine Depression wie seit 1929 nicht mehr (das hier wird m.E. schlimmer als die Finanzkrise 2008), dann sterben ebenfalls Menschen. Die Selbstmorde nehmen zu, psychische Erkrankungen nehmen zu, ganze beruflichen Existenzen werden ausgelöscht, was zumindest die Lebensqualität vieler Menschen sinken lässt. In manchen Teilen der Erde werden Leute mit ihrem Job auch ihre Krankenversicherung verlieren, mancherorts vielleicht sogar verhungern.
Die Gegenüberstellung Gesundheit vs. Wirtschaft, Menschenleben vs. Geld, ist also Bockmist und ich kann die nicht mehr hören. Es ist vielmehr Leben vs. Leben und irgendwie müssen sowohl Corona- als auch „Depressionstote“ möglichst minimiert werden.
Als noch relativ junger und ziemlich gesunder Mensch wäre ich- mal ganz egoistisch gedacht- auch lieber in Schweden. Da besteht gar kein Zweifel. Schon allein um noch ein Bierchen in einer Kneipe nach Feierabend trinken zu können. Der Virus selbst macht mir auch wenig Angst. Ich trage allerdings einen Mundschutz aus Solidarität und als Werbung für eine von Anfang an sinnvolle Maßnahme.
Als älterer Mensch oder Mitglied einer anderen Risikogruppe- siehe Coronatote oben- schaut es hingegen ganz anders aus, denn die Schweden haben leider wenig Intensivbetten. Der schwedische Weg ohne Lockdown, gepaart mit dem Mangel an Intensivbetten, erfordert erst recht, dass man anfällige Menschen besonders schützt. Ob das zu Genüge geschieht, müssen die Schweden wissen.
Letztendlich sind politische Entscheidungen immer schwere Abwägungen zwischen verschiedenen Zielsetzungen, die es jeweils zu optimieren gilt.
