Nachdem ich eh grad so schön am Schreiben bin (Kind schläft, Frau ist unterwegs, Bier ist offen): Als Ersatz dafür, dass ich mich gegen die WM in Nordamerika entschieden habe, war ich im April 2 Wochen in Südamerika. Und zwar diesmal ausschließlich Fußballkultur zu schnuppern.
16 Spiele in 18 Tagen in 3 verschiedenen Städten sind es letztendlich geworden. Es hätten sicher noch ein paar mehr werden können, aber gerade zum Ende raus habe ich mich doch eher für Qualität statt für Quantität entschieden. An den 12 Tagen in Buenos Aires hätte ich locker jeden Tag 3 Spiele bis einschließlich dritte Liga machen können.
Über Fußball in Südamerika, vor allem in Buenos Aires, brauche ich ja nichts schreiben. Alles, was erzählt werden muss, hat Flo von grounded/woistflo ja schon ausführlich erläutert: Der frühere Vorsänger der Giasinga Buam hat jetzt anderthalb Jahre in BA verbracht und so ziemlich jeden Club besucht. Was kann ich denn da tun, ausser ihm bei jedem Bericht wohlwollend zu zu nicken?
Von ein paar Highlights möchte ich trotzdem erzählen:
Paraguay hat eine erste Liga mit 12 Mannschaften, wobei 11 aus dem Großraum Asuncion kommen. An einem normalen Spieltag mit 6 Spielen, die jeweils Freitags bis Sonntags um 18 und 21 Uhr stattfinden, werden also bis zu 6 Spiele in einer Taxi-Reichweite von maximal 20 Minuten ausgespielt. Das hat zur Folge, dass man das Spiel vom 1979-Weltpokalsieger Olimpia, die vor knapp 30.000 Leuten gegen Lokalrivalen Libertad siegen, um 18:50 Uhr verlässt, und schon 20 Minuten später mit 35.000 gleichgesinnten im Stadion von Cerro Porteno steht, die ihr Spiel gegen Lokalrivalen "Club 2 Mai" (herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag) gerade beginnen. Erwähnenswert noch, dass bei beiden Spielen die selben Chipsverkäufer ihre Ware anbieten. Mit dem Mofa gehts sind die 3,2km wahrscheinlich noch schneller zu fahren als mit dem Taxi.
Der Zweitligaclub "Resistencia" hat vor ein paar Jahren sein Stadion auf 6.000 Plätze ausgebaut. Dämlicherweise stand dabei ein Baum im Weg. Der Baum wurde kurzerhand Vereinsmitglied und gibt nun auf der Hintertortribüne Schatten. Diese Anektode war für uns Grund genug, am Ostersonntag um 11 Uhr morgens dorthin zu einem Zweitligaspiel zu fahren, nichtsahnend, dass das Stadion mitten in einer nicht befriedeten Favela liegt. Der Taxifahrer, den wir eh schon schwerlich überzeugen konnten uns dahin zu bringen, hat dann aus Panik vor den Fußballfans auch noch kurz Gas und Bremse verwechselt und ist ein anderes Auto mitten in der Favela angefahren. Statt anzuhalten, hat er seine Fenster verriegelt und Vollgas gegeben und uns wortlos und ganz, ganz schnell am STadion raus gelassen. Wir haben es uns dann unterm Baum gemütlich gemacht.
Das Zweitligaderby in Buenos Aires zwischen Atlanta und Nuevo Chicago startete mit einem richtig geilen Fanmarsch auf der Hauptstraße, incl römischer Lichter, Blaskapelle und Gesänge, und endete im strömenden Regen mit einer Niederlage.
Das Centenario in Montevieo (Uruguay) ist als ein Spielort für die WM 2030 vorgesehen und soll dafür für viel Geld umgebaut werden. Bitte, bitte macht das nicht. Das erste WM-Final-Stadion der Geschichte atmet Fußballkultur. Die betonierten Stühle, das weite Rund, der Funkturm, dieser Brutalismusbeton - das alles ist Fußballleben. Das darf nicht für die Erben Infantinos geopftert werden. Sportlich wars eher mau. Montevideo City, das Farmteam von Manchester City, gewann mit Kapitän Gary Kagelmacher 1:0 in der Copa Sudamericana gegen Gremio Porto Alegre. Von den etwa 3.000 Zuschauern waren knapp 2.500 aus der etwa 1.000 Kilometer entfernten brasilianischen Stadt angereist. Neben Montevideo hat Manchester City ja auch noch Farmteams in Mumbai und Melbourne. Sie suchen sich meisten Teams aus, die in ihrer Stadt Nummer 2 sind, deren Stadtnamen mit M beginnt und deren Vereinsfarben blau sind. Keine Sorge, wir sind safe ...
Freitag Abend haben wir uns ein Drittligaspiel gegeben. Excursitantes hat gegen irgendwen gespielt. Ein Club, bei dem Stadtviertel, Verein und Fans absolut zusammen passen. Alles war in sich stimmig. Der Stadioneingang war irgendwie nicht mehr als ein kleines Tor in den Hinterhof und wenn der Ball raus fliegt, dann ist er halt auf der Straße. TRotzdem waren da etwa 4.000 Leute. Und hatten mächtig Spaß.
Im Vorort La Plata haben wir uns Estudiantes angesehen. Die Kollegen betreiben eine Mantelnutzung: Unter Tags Mall, ansonsten Fußball. Wenn grade kein Fußball ist, dann wird der Rasen als Biergarten genutzt. Das mit den Tickets war irgendwie weird: Wir drei Alkoholiker (alle über 40) mussten uns als Famile anmelden, um an Tickets zu gelangen.
Sonntag war hardcore: Erst zu Huracan. Das ist das Stadion mit dem epischen Fernsehturm, den betonierten Sitzen und dem wahnsinns Blick über die Skyline von Buenos Aires. Das hat mich echt geflasht und ich will sofort wieder hin. Aber: Nur 4 Kilometer und 1h Pause dazwischen spielt Racing Club - einer der fünf großen - sein "kleines" Derby gegen River Plate. Das Stadion Cilindro, ein richtig geiler, runder Bau, haut von den Socken. Racing präsdentiert zu Spielbeginn 3 unterschiedliche Blockfahnen und das ganze Stadion ist Motiviert. ÄPer BEamer werden Sequenten alter Derbies aufs Spielfeld projeziert. Alles ist angerichtet, 50.000 sind höchstmotiviert. Und dann passiert das, was immer passiert: Blau spielt scheiße und verlierts Derby.
Montag waren wir beim ehemaligen Weltpokalsieger Velez Sarsfield. Schön heruntergekommenes Stadtviertel mit viel, viel blau. Direkt neben dem Stadion führt die Autobahn vorbei, und unter der Autobahn spielen die Vereinsmitglieder nachts Fußball.
Dienstag dann der nächste Höhepunkt: Boca Juniors spielen in der Copa Libertadores gegen den FC Barcelona aus Ecuadur. Wir hatten über den Schwarzmarkt Tickets in der obersten Reihe der legendären Bombonera und sind einfach nur geflasht. Alle 56.000 im Stadion gehen ab, sie singen und tanzen zu den Rhytmen der Blaskapelle der Barras. Und ganz oben, da glaubt man irgendwann nicht mehr, dass das Stadion dieses Spiel überleben wird, denn es wackelt brutal. 3:0 gewinnt Boca. Boca Juniors, der Verein, bei dem ich immer noch nicht weiß, ob er den Kapitalismut perfektioniert hat, oder ob es wirklich die perfekte Symbiose zwischen Stadtteil, Verein und Fans ist. Tatsache ist: Wenn Boca spielt, dann steht aussenrum alles still. Und sowas habe ich bei keinem der anderen Vereine gesehen.
Am nächsten Tag spielt River Plate daheim gegen einen Vertreter aus Bolivien. River Plate ist der andere große Verein, auch einer der "Big 5" (zu denen außer Racing und Boca auch Indepediente und San Lorenzo gehören). Im Finalstadion der WM1978 "Mas Monumental" haben sie aktuell mit 83.000 Zuschauern pro Spiel den weltweit größten zuschauerschnitt. Leider wurde ich enttäuscht. Entweder waren es einfach scheiß Plätze, oder meine Erwartungshaltung war zu groß, oder scheiße ist wirklich der Fußball dort: Aber ich fühlte mich nicht mitgenommen. Weder vom Spiel noch von den Fans. Spielerisch wars meines Erachtens ungefähr auf Verl gegen Ulm. Von keiner der beiden Mannschaften kam ein Ball an. Nichts ging. Irgendwie hats hinten und vorne gefehlt. Aber ja, ich bin froh in diesem Heiligtum, das ebenfalls als Stadion für die WM2030 vorgesehen ist, ein Spiel gesehen zu haben.
Am Donnerstag gab es dann noch den Abschluss von San Lorenzo (der vierte der Big5) gegen Cuenza aus Venezuela. Der Club vom letzten Papst gewann souverän, aber dennoch aus meiner Warte nicht überzeugend. Die Fans hier wieder sehr stabil bis überzeugend und letztendlich ein würdiger Abschluss.
Was bleibt hängen: Es war mein Traum, einmal in die Fußballkultur der Fußball-Welthauptstadt einzutauchen. Das habe ich im Rahmen meiner Möglchkeiten geschafft. Von den Big 5 habe ich vier daheim gesehen. Von den weiteren "großen" Clubs habe ich Huracan und Sarsfield erleben dürfen. 3 - 4 weitere könnten hier noch folgen. Wars das, was ich erwaret habe? Ganz ehrlich: Boca in einem Heimspiel der Copa Libertadores erleben zu dürfen, ist ein unvergesslicher Traum. Aber ich habe mir insgesamt Konfetti, Regenschirme, Fahnen, Pyros und Luftballoons erhofft. Und die gab es größtenteils nicht. Was es überall gibt ist die Blaskapelle der Ultras - hier Barra Bravas genannt. Diese spiele 90 Minuten ihre Lieder mit austauschbaren Texten (weil bei jedem Verein irgendwie gleich) durch. Wobei immer, wenn ein neues Lied angesungen wird, das ganze Stadion aufsteht und für 4-6 Minuten voll mitgeht. Buenos Aires ist fußballerisch ein absoluter Traum. Und ich bin froh, dass ich diesen Traum mal für kurze Zeit mitträumen durfte.